
Kapitel 3
FLEISCHPRODUKTION UND TIERMISSHANDLUNG
«Tiere sind meine Freunde, und meine Freunde esse ich nicht!»
(George Bernard Shaw)
Die Frage, ob Fleisch an sich für den Menschen gesund ist oder nicht, mag in ernährungswissenschaftlichen Kreisen eine Streitfrage darstellen, doch in bezug auf den größten Teil des heute verkauften Fleisches läßt sich diese Frage unzweideutig beantworten, wenn wir untersuchen, unter welchen Bedingungen dieses Fleisch «produziert» wird, das heißt, was die Tiere und das Fleisch durchmachen, bevor sie – in schöner Verpackung getarnt – in der Einkaufstasche der Konsumenten landen.
Das Mordsgeschäft der Fleischindustrie
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat die menschliche Profitgier auch auf die Fleischproduktion übergegriffen, was eine gesteigerte Massentierhaltung und eine intensive Mästung nach sich zog. Die Zeitschrift Natur veröffentlichte in ihrer Ausgabe 2/1987 einen bemerkenswerten Artikel mit dem Titel «Tierische Geschäfte», in dem auf mutige Weise Zusammenhänge zwischen skrupellosen Pharmafirmen, Tiermästern und Schlachthöfen aufgedeckt wurden. Die Problematik der modernen Tierhaltung wird in diesem Artikel folgendermaßen zusammengefaßt:
«Der Handelskrieg wird über den Preis geführt. Das scheint zunächst im Sinne der Verbraucher zu sein. Doch das Bestehen in diesem Preiskrieg ist nur bei massenhafter Serienproduktion möglich. Keine der Handelsketten kauft 50 Hähnchen beim Bauern ein – sie brauchen 50000 pro Lieferung. Die ‹Produktion von tierischem Protein› in den Massentierhaltungen hat sich darauf eingestellt. Was der Verbraucher nun zwischen die Zähne bekommt, ist gewürzt mit Wachstumsförderern, Hormonen, Antibiotika und Beruhigungsmitteln. Im besten Falle erhält er billiges, nährstoffarmes, aufgeblasenes Fleisch – im schlimmsten Falle ist es vergiftet. [...] Was in den Massentierhaltungen und Schlachthöfen geschieht, wird mühelos verdrängt.»
Und was da verdrängt wird, ist haarsträubend. Wenn peinlicherweise einmal ein Skandal durch die Medien bekannt wird, ist die Öffentlichkeit zutiefst schockiert. So schrieb beispielsweise das Magazin Der Spiegel (33/1988) in seiner Titelgeschichte «Die Schweinerei mit dem Fleisch»: «Die bundesdeutsche Landwirtschaft erlebt den größten Hormon-Skandal ihrer Geschichte. Illegale Händlerringe und gewissenlose Veterinäre verdienen an der Tiermast als ‹Mafia im Fleischgeschäft›. [...] Unters Fell gespritzt und in den Futtertrog gekippt wird nahezu alles, was die Pharma-Industrie so produziert, um Rind, Schwein oder Huhn bis hin zur Schlachtbank auf den Beinen zu halten. [...] Wenn Schweine, damit es sich lohnt, innerhalb von 180 Tagen zu Zwei-Zentner-Fleischbergen hochgepäppelt werden, wächst das Knochengerüst nicht schnell genug mit, die Tiere brechen unter dem eigenen Gewicht zusammen.»
Nach der Tötung der Tiere kommen viele weitere künstliche Substanzen ins Fleisch, angefangen mit chemischen Konservierungsmitteln, damit keine üblen Gerüche dem Käufer des oftmals tage- oder wochenalten Fleisches den Appetit verderben. Ein weiteres Problem ist die Farbe des ausgebluteten Fleisches, das in vielen Fällen gelblich oder grau-grünlich wird und deshalb nachträglich rot gefärbt werden muß, da es sonst nicht verkaufbar wäre.
Wie bereits erwähnt, enthält das Konsumfleisch auch noch viele andere naturfremde «Zutaten», welche das Fleischessen heutzutage immer mehr zu einem ernstzunehmenden Gesundheitsrisiko machen: Tierarzneimittel, Antibiotika (weltweit landet mehr als die Hälfte der Antibiotika-Produktion in den Tierställen), Rückstände aus dem Futter (z.B. Pestizide; Fleisch ist mit Abstand das pestizidbelastetste Nahrungsmittel), Hormone und Östrogene (als Muskelwachstumsförderer; diese sind zwar verboten, aber schwer nachweisbar).
Es sei hier nur an den aufsehenerregenden Dioxin-Skandal in belgischen Geflügelmastbetrieben im Sommer 1999 oder an den sogenannten «Gammelfleisch»-Skandal Ende 2005 erinnert, bei dem verschiedene deutsche Fleischverarbeiter Schlachtabfälle und bereits verdorbenes Fleisch umetikettierten und als Nahrungsmittel verkauften.
Umstritten ist auch die Frage nach den Ursachen der BSE-Erkrankung, des sogenannten «Rinderwahnsinns» (bovine spongioforme Enzephalopathie). Geht sie darauf zurück, daß man an Rinder, die von Natur aus pflanzenfressende Tiere sind, Fleischmehl aus Schlachtabfällen verfüttert hat, oder
war sie vielleicht eine «Nebenwirkung» gewisser Chemikalien, die den Tieren zum Beispiel über Impfungen verabreicht wurden?
Zusätzlich zum Risiko, daß Fleisch alt oder «gepanscht» und mit vielen Chemikalien versetzt sein kann, muß immer mehr auch mit dem Vorhandensein verschiedenster Viren und Parasiten gerechnet werden, die zu Seuchen führen können, beispielsweise der in regelmäßigen Abständen auftretenden Maul- und Klauenseuche.
Ein weiteres brisantes Thema ist die sogenannte «Geflügelpest», die seit 2005 als «Vogelgrippe» bezeichnet wird. Was auch immer die Ursachen dieser «Grippe» sein mögen und was auch immer damit bezweckt wird, eines ist unbestreitbar: Wer unter diesen von Menschen verursachten bzw. inszenierten Problemen zuerst zu leiden hat, sind die Tiere. Immer wieder werden ganze Tierbestände «notgeschlachtet», neuerdings manchmal sogar lebendig verbrannt oder in Massengräbern zugeschüttet. Ist das Fleischessen diesen ganzen «Menschenwahnsinn» wert?
All diese Faktoren machen Fleisch, Fisch und Geflügel zu einem unberechenbaren Gefahrenherd für die menschliche Gesundheit. Warum aber hat keine staatliche Institution den Mut zur Aussage, daß der Verzehr von Fleisch zunehmend riskanter wird? Warum besteht die Schadensbegrenzung bis jetzt hauptsächlich im Töten von vielen Millionen von Tieren und in der Empfehlung, das «sichere» Fleisch der jeweils gerade nicht betroffenen Tierarten zu essen? Warum gibt es bislang keine öffentlichen Empfehlungen, den Fleischkonsum generell zu reduzieren oder aufzugeben?
Nicht nur Fleisch-, sondern auch Milchprodukte sind Teil des Risikos. So kam es im Juni 2005 in der Schweiz zu einer Verbreitung von Listeriose-Bakterien über Tomme-Käse, was zu gesundheitlichen Notfällen, Fehlgeburten und sogar zu Todesfällen führte. Bereits im Jahr 1987 waren in der Schweiz Menschen nach dem Verzehr von Listeriose-verseuchtem Käse ums Leben gekommen. Viele Tonnen Käse mußten daraufhin vernichtet werden. Aus ähnlichen Gründen fallen bekanntermaßen auch immer wieder riesige Fleischmengen durch die Kontrollen und müssen in der Folge aus dem Verkehr gezogen werden.
Tödliche Brutalität
Allein in den USA werden für die Fleischerzeugung jährlich mehr Tiere geschlachtet, als es Menschen auf der Erde gibt. In Deutschland verlieren tagtäglich nahezu 100000 Schweine und Rinder ihr Leben (das sind rund 36 Millionen im Jahr).
Alles in allem werden Jahr für Jahr weltweit über 2 Milliarden Stall- und Weidetiere sowie über 20 Milliarden Hühner, Hähne, Gänse, Enten und Puten für die fleischessenden Menschen getötet. Die Zahl der pro Jahr getöteten Fische geht in die Billionen. (In diesen Zahlen sind die jährlich rund 300 Millionen Opfer der Tierversuche, die 5 Millionen Opfer der Jagd sowie die vielen Opfer der Pelzindustrie nicht mitgerechnet.) Unter dem Druck der ständigen Nachfrage nach immer billigerem Fleisch werden die Tiere heute nicht mehr als Lebewesen behandelt, sondern als Fleischmaschinen.
Das Leben eines gefangengehaltenen Schlachttieres ist von Anfang bis Ende schöpfungswidrig – angefangen mit der Aufzucht in Massenhaltung, der Kastration, den Hormonbehandlungen und der Verabreichung zahlreicher anderer Pharmastoffe bis hin zu den langen, schmerzvollen Transporten in extremer Angst und schließlich der Tötung im Schlachthof.
Ein «Mastkalb» wird heute gleich nach der Geburt von seiner Mutter getrennt und in engste Einzelhaft-Mastboxen eingesperrt, ohne daß es jemals ins Freie darf. Dort wird es mit verschiedensten Medikamenten und «Ruhigstellern» vollgepumpt und fristet ein isoliertes, unwürdiges Dasein. Unzweifelhaft gibt es auch andere, weniger grausame Formen der Jungtierhaltung, doch diese sind leider die Ausnahme.
Die Tiertransporte vom Mastbetrieb zum Schlachthof sind ebenfalls gekennzeichnet von einer ungeheuren Brutalität, wie Dokumentationen immer wieder enthüllen. Oft kommen die Tiere mit gebrochenen Hüften oder Beinen, mit abgerissenen, blutenden Hörnern, vor Schmerz, Durst, Hunger und Angst halb wahnsinnig im Schlachthof an, um dort aus den Lastwagen gezerrt und geprügelt zu werden. Viele überleben diesen qualvollen Transport nicht. So kommen in deutschen Schlachthöfen jährlich 300000 bis 400000 Schweine tot an und werden in der Folge zu Tierkörpermehl verarbeitet, das ihren Artgenossen dann als Futter vorgesetzt wird.
Auch die Tierschlachtungen selbst sind alles andere als «human». In Wahrheit machen die Schlachthäuser Höllenvisionen Konkurrenz: Schreiende Kälber, Rinder und Schweine werden durch Hammerschläge, Elektroschocks oder Bolzenschußwaffen betäubt. Mit einem Haken werden sie an den Hinterbeinen in die Luft gezogen und auf vollautomatischen Fließbandanlagen durch Fabriken des Todes befördert. Die Kehle wird ihnen bei lebendigem Leibe aufgeschnitten, und das noch schlagende Herz unterstützt das Ausbluten. Die Verarbeitung beginnt oft schon, während die Tiere noch zu Tode bluten. Diese grausame Methode spart Zeit und erhöht somit die Gewinne.
Noch fabrikhafter wird mit den Hühnern verfahren. Nach fünfzehn Monaten als Eierlieferanten in Massenhaltungen kommen sie ins Schlachthaus. Rund 300 Millionen Geflügeltiere werden jedes Jahr allein in Deutschland geschlachtet, das sind über 500 Tiere pro Minute – Tag und Nacht! Diejenigen Hühner, die den Transport überleben, werden lebend ans Fließband gehängt und dann entweder durch Stromschlag getötet oder dadurch, daß man ihnen einfach den Hals durchschneidet. Ein durchschnittlicher Schlachthofarbeiter schneidet auf diese Weise pro Stunde bis zu 1000 Hühnerkehlen durch, und in einem einzigen Großschlachthof werden täglich bis zu 50000 Hühner geschlachtet.
Genau wie für den Menschen ist auch für das Tier das Ermordetwerden eine Erfahrung von Schrecken und Panik, was im Körper schlagartig einen drastischen biochemischen Wandel auslöst, wodurch der ganze Körper mit Angsthormonen vergiftet wird. Der namhafte Tierschützer und Ökologe Franz Weber erklärte in einer Radiosendung: «Nehmen wir das Beispiel von Hamburg, wo Menschen Vergiftungen erlitten, als sie Thunfisch aus der Büchse aßen. Warum? Der Thunfisch wurde lebendig(!) zersägt, und die gefangenen Fische hatten eine solch unglaubliche Angst, daß sie ein Gift ausschieden, das in das Fleisch einging. Das war schon den alten Römern bekannt. Um ein bestimmtes Gift zu bekommen, haben sie Sklaven zu Tode gefoltert, und mit dem Speichel dieser Toten konnte man andere vergiften. Die Todesangst geht also ins Gewebe ein und wird vom Menschen mitgegessen.»
Aus genau diesem Grund ist auch das «natürliche Weidefleisch» (Bio-Beef usw.) von sogenannt «glücklichen» Schlachttieren, die zu Lebzeiten Auslauf im Sonnenlicht hatten, keine wirkliche Alternative, obwohl diese Art der Tierhaltung selbstverständlich viel artgerechter und «humaner» ist als der übliche Tierfabrik-Betrieb. Aber auch ein «glückliches» Tier erfährt, wenn es geschlachtet wird, Todesangst. Ein Tier aus biologischer Haltung muß ebenfalls zur Schlachtbank geführt und getötet werden, damit man an sein Fleisch kommt. Die Produktion von sogenanntem Bio-Fleisch ist also widersprüchlich: Einerseits will man die Tiere als Lebewesen respektieren und gewährt ihnen deshalb angenehme Lebensbedingungen, aber andererseits schlachtet man sie schließlich dennoch und ißt sie auf.
Das einzig «natürliche» Fleisch wäre demnach das Fleisch eines natürlich gestorbenen Tieres. Oder, in Ergänzung eines bekannten Werbeslogans der Fleischindustrie: «Fleisch ist ein Stück Lebenskraft» – doch nur solange es lebt!